Schwindelgefühle

Ein Bericht von Andreas Biermann, Fotograf über seinen Besuch an Auschwitz-Birkenau

Die Teilnehmer der Radtour von Auschwitz nach Westerbork werden über die Hintergründe des Holocausts unterrichtet. Am 02.04.2019 habe ich die Gedenkstätte aufgesucht, um Fotos zu machen, die als Unterrichtsmaterial dienen sollen.

Drei Wochen nach meinem Besuch der Vernichtungsstätte Auschwitz habe ich das dort Gesehene und Erlebte in Worte gefasst. Allein die Dimensionen von Birkenau und die genannten Zahlen der Getöteten übersteigen mein Vorstellungsvermögen. Lage und Größe der Anlage kann man sich auf Google Earth ansehen und ist überrascht von den Bildern: Klinkergebäude im sommerlichen Sonnenschein, Bäume und Wiesen im satten Grün und nebenan eine kleinstädtische Umgebung. Das soll der Ort sein, dessen Name für das größte Verbrechen der Menschheit steht? Ich spüre eine Unsicherheit.

Dieses Gefühl befiel mich auch direkt nach dem Verlassen der Gedenkstätte. Ich hatte mich mit der Kamera in den Händen auf eine Bank gesetzt, um eine erste Sichtung der Fotos vorzunehmen. Meine Aufgabe, das Unsägliche in Bildern festzuhalten, war erledigt: Elektrischer Zaun, Stacheldraht, Gaskammer und Verbrennungsöfen. Vitrinen mit gestreifter Häftlingskleidung, zu Haufen aufgeschichtete Brillen, Schuhe, Koffer und Bürsten. Eingerahmte Portraits von Insassen.

Die Fotos von den bunt gekleideten, unbeschwert auftretenden Besuchergruppen und meine Wahrnehmungen wollten nicht zusammenpassen.

Über zwei Millionen Besucher kommen jährlich nach Auschwitz. Vielen Gruppen steht ein Fremdenführer zur Seite, der fachkundige Erklärungen geben kann. Dennoch benehmen sich einige Besucher wie Touristen an einem beliebigen Ausflugsort. Eine stundenlange Führung durch die Anlage ist anstrengend. Da es kaum Bänke gibt, sitzen Jugendliche in Scharen auf den Stufen, die zu den Blocks gehören, oder auf den Grünstreifen zwischen den Backsteingebäuden – so wie beim Picknick. Einige haben ihr Smartphone in der Hand und machen Selfies vor den Ruinen der Gaskammern oder dem Eingangstor. Sie waren nicht ausreichend vorbereitet und haben die Bedeutung der Gedenkstätte nicht verstanden. Oder ist es mein Unverständnis der Jugend gegenüber, die diesen Ort – wie jeden anderen – mit einer unschuldigen Normalität für sich in Anspruch nimmt.

Der Name Auschwitz ist Synonym für das Grausamste, was Menschen durch Menschen angetan wurde. Massenvernichtung – ohne Mitleid und Nächstenliebe. Pure Gewalt.

Zur Durchführung dieser Vernichtung wurde ein perfektes System entwickelt. Am Anfang standen Hass und Verrat und die Gleichgültigkeit der Umgebung. Die Vertreibung kannte für Juden nur ein Ziel: die im Osten gelegenen KZs. Mitten im Krieg hat die Deportation durch die Reichsbahn reibungslos funktioniert. Am Ziel angekommen, wurden die Kräftigsten ausgesucht, in das Arbeitslager geschickt und bis zur völligen Entkräftung ausgebeutet. Wer bei der Selektion durchgefallen war, wurde umgehend in das Vernichtungslager weitergeleitet, zum sofortigen Tod in der Gaskammer.

Eine dieser Gaskammern und das angrenzende Krematorium sind im KZ Auschwitz I erhalten geblieben, während die wesentlich größeren Anlagen in Birkenau vor dem Abzug von der SS gesprengt wurden. Geblieben sind diese steinernen Zeugen, die aufgehäuften Habseligkeiten und die endlosen Namenslisten der Ermordeten.
Wer das gesehen hat, wird es nie vergessen.

Die persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema Judenvernichtung bedarf der Hilfestellung – möglichst noch durch Zeitzeugen – und einer gründlichen Aussprache als Beitrag zur Völkerverständigung

Die, die in Auschwitz waren, sollen das Gesehene im Gedächtnis behalten und mit anderen teilen. Gleichgültigkeit, Resignation und Schweigen wären die falschen Konsequenzen. Die Ursachen der Menschenvernichtung müssen erkannt und benannt werden, um daraus eine Botschaft abzuleiten und in die Welt zu tragen:
Nie wieder!

Andreas Biermann